Wenn uns etwas trifft, neigen wir Menschen dazu, das Erlebte zu verdrängen – eine völlig normale Schutzreaktion des Körpers, um die Intensität des in diesem Moment gefühlten Schmerzes nicht zusätzlich zu verstärken. Auf Dauer tun wir uns damit jedoch keinen großen Gefallen, denn all das „Geschluckte“ wird zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufkommen und uns den verdrängten Schmerz noch viel stärker spüren lassen als je zuvor. Das ständige Weglaufen vor dem Erlebten führt schließlich dazu, dass wir uns auf eine dauerhafte Flucht vor unseren Gefühlen begeben – und zwangsläufig auf eine Flucht vor uns selbst. Denn wir unterdrücken nicht nur den Schmerz, den wir empfinden, sondern auch uns selbst. Wir nehmen nicht mehr wahr, dass der Schmerz nichts anderes als eine Aufforderung zur Auseinandersetzung ist – und wollen es auch nicht wahrnehmen, denn das temporäre Ergebnis ist der intensive Schmerz, der sich uns wie ein Messer in die Brust rammt und uns zunächst völlig aus der Bahn wirft. Dabei liegt die Betonung auf temporär. Denn Schmerz vergeht. Im besten Fall jedoch durch die Türe unserer Seele nach draußen, nicht noch tiefer in die Abgründe unserer bereits getroffenen Psyche. Dann nämlich wird der Schmerz kein vorübergehendes Symptom mehr sein, sondern unser ständiger Begleiter – und macht sich insbesondere dann bemerkbar, wenn wir erneut einmal an einem emotionalen Tiefpunkt angelangt sind. Doch dann ist der Schmerz nicht nur wieder präsent, sondern meist noch viel ausgeprägter, was uns schlussendlich noch tiefer fallen lässt.

Doch wie soll diese Auseinandersetzung eigentlich funktionieren? Sich mit belastenden Themen bewusst auseinanderzusetzen ist nicht einfach, was auch der Grund dafür ist, dass Menschen stattdessen verdrängen. Denn die Konfrontation ist ein längerer Prozess, der auch Monate oder sogar Jahre andauern kann – zugleich ist die Auseinandersetzung unabdingbar, um sich von Kummer und Schmerz zu befreien und ein glückliches Leben führen zu können. Dabei bedeutet Konfrontation, sich bewusst die Dinge vor Augen zu führen, die ursächlich für den empfundenen Schmerz sind. Die umhertreibenden Emotionen sollen nicht weiter unbeachtet bleiben, der Schmerz zugelassen werden. Nur dadurch wird es dem Menschen möglich sein, seine Gedanken zu sortieren und die erlebten Traumata zu verarbeiten.

Dabei sollte jedoch beachtet werden, dass bestimmte Traumata (z.B. Sexualdelikte) grundsätzlich mit der Unterstützung eines erfahrenen Therapeuten aufgearbeitet werden sollten, da deren Verarbeitungsprozess deutlich belastender sein kann und hierfür eine psychische Grundstabilität gegeben sein sollte.

Doch auch zur Bewältigung anderer traumatischer Erlebnisse ist es zwingend erforderlich, dass seitens des Betroffenen eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung besteht. Die Konfrontation sollte nur deshalb erfolgen, weil der Betroffene das Erlebte verarbeiteten möchte – und nicht weil er das Gefühl hat, verarbeiten zu müssen. Letzteres würde entweder dazu führen, dass bereits geöffnete Wunden noch tiefer einreißen oder dass der Verarbeitungsprozess in seinem Ablauf erheblich gestört wird, wodurch mit der zugrundeliegenden Thematik wieder nicht umfassend abgeschlossen werden könnte.

Wer jedoch dazu bereit ist, mit dem Vergangenen wirklich abzuschließen, wird schnell bemerken, wie sehr er sich durch die eigentlich bedrückenden Gedanken befreien wird – nicht von dem, was geschehen ist, aber von dem stechenden Schmerz, der sich mit der Zeit ganz offensichtlich verabschieden wird. Er wird merken, dass er über das reden kann, was ihn einst belastete – und sich mit jedem Mal, wenn er sich emotional öffnen konnte, ein Stück mehr aus den Klauen der schmerzenden Trauer befreien. Nach jedem offenen Gespräch wird der Schmerz nachlassen, denn er wurde endlich gehört, womit seine Arbeit erledigt wäre – der Betroffene hat erkannt, dass er sich dem, was ihn so sehr bewegt, stellen muss und muss somit nicht weiter dazu aufgefordert werden.

Doch derjenige, der es geschafft hat, zu verarbeiten, hat noch viel mehr erreicht: eine Lehre für sein gesamtes weiteres Leben. Denn wer einmal erkannt hat, wie wichtig die Auseinandersetzung mit belastenden Themen ist und wie sehr erfolgreiche Konfrontation den empfundenen Schmerz lindern kann, wird sich nach künftigen traumatischen Erlebnissen zu helfen wissen – und nicht wieder den Weg der Verdrängung und Selbstverachtung wählen.

Schmerz ist der Botschafter unserer Seele. Wir müssen ihn erst einmal hereinbeten und ihn anhören, um ihn wieder herausbeten zu können. Durch das Verdrängen versperren wir ihm vielleicht erfolgreich die Tür zu unserem Haus, aber auf unserem Anwesen befindet er sich bereits. Dabei sollten wir den Schmerz nicht als Gegner betrachten, sondern als Unterstützer. Er möchte durch seine warnenden Worte vermeiden, dass wir in unserer Trauer versinken.

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